Virilio Cubes

Wie kaum ein anderes Kunstwerk verkörpern die “Virilio
Cubes” Thom Kublis die Leitideen des Medientheoretikers
Paul Virilio und damit Grundzüge unserer gegenwärtigen
Zivilisation. Die Invasionsmacht moderner Implantations-
techniken läßt Virilio den menschlichen Körper als einen
endogenen Maschinenbetrieb denken. Diesen Betrieb
figuriert Kubli durch aus Haut gewonnene Gelatine in
Würfelform, erinnert der Würfel doch an eine archet-
ypische Form, die in Gestalt des homo quadratus eines
Vitruv oder Leonardo da Vinci immer schon den Menschen
schlechthin repräsentiert hat.

In die Würfel sind Lautsprecherspulen eingelassen, die
zusammen die Läufe verschiedener Skateboards im
städtischen Raum wahrnehmen lassen. Laut Virilio ist
gerade die Logik des Laufs oder der Geschwindigkeit,
die “Dromologie”, prädestiniert, gesellschaftliche Ver-
hältnisse zu verstehen. Unsere Gesellschaft lebe in
neuen Megalopolen steter tele-audiovisueller Beschleu-
nigung, die mit der traditionellen Stadt als einem Ort
der Dauer und des Verweilens auch den Raum negieren
und den Ort als solchen infragestellen. Untermauert
Kublis Arbeit in ihrer dynamischen Repräsentation von
Skatern einerseits jenes Credo Virilios, stehen anderer-
seits gerade die Kuben in ihrer statischen Kompaktheit
der von Virilio behaupteten Entwirklichung und Ästhetik
des Verschwindens entgegen.

Schließlich läßt sich der Werktitel “Virilio Cubes” auch
als ein Oxymoron begreifen, und vielleicht verbirgt sich
hinter demselben nicht zuletzt die Widerständigkeit gegen
ein allzu großes Tempo der einen oder anderen Medien-
theorie.

Thomas Hensel, 2003